Etwas länger als 1 Jahr ist es her, als mich mein Schicksal nach Bali geführt hat. Dieses eine Jahr war für mich definitiv das intensivste, schönste und vor allem aber war es  ein Jahr der Transformation. Nie hätte ich es mir zu träumen gewagt, dass mir eine Chance zuteilgeworden ist,mein Leben so maßgeblich zu beeinflussen und gleichzeitig zum Besseren zu wenden.

Die letzten Wochen kam mir immer wieder ein bestimmter Gedanke, als ich über die letzten Jahre meines reflektiert habe. Dieser Gedanke leitete mich zu dem Ergebnis, dass ich im Grunde erst letztes Jahr so wirklich angefangen habe zu leben. Dem Leben also dankbar gegenüber zu stehen und wahre, tief greifende Freude zu empfinden. Logischerweise gab es auch schon vor diesem Zeitpunkt schöne Momente und Phasen der Akzeptanz, dennoch waren sie nie so authentisch und langanhaltend wie im vergangenen Jahr. Aus diesem nicht zu leugnendem Grund, viel für mich der logische Schluss, dass Bali und auch der Einfluss unter dem ich bei meinem 8 monatigen Aufenthalt stand, ganz entscheidend an meiner Bewusstseinsveränderung mitgewirkt hat.

Mit einer ganzen Portion Wehmut trat ich dann aber doch Ende März 2018 die Heimreise nach Deutschland an. Ganz augenscheinlich hat mich zu dem Zeitpunkt der Ernst des Lebens wieder eingeholt, da ich Anfang April mit dem Studium der Sozialen Arbeit begonnen habe. Eine Profession, die mich voll um begeistert und von daher eigentlich auch einen Mehrgewinn für mein Leben darstellte. Motiviert und voller Tatendrang fand ich dann auch einen gelungenen Start und gewöhnte mich Schnell an die Umgebung und die neue Herausforderung.

Dennoch gingen mir die Gedanken an Bali und alles, was dazu gehört, nie wirklich zu voller Gänze aus dem Kopf. Für mich war zu dem Zeitpunkt völlig klar, dass das Studium erste Priorität hat, denn aus der Sichtweise unserer Gesellschaft wäre alles andere ein Himmelfahrtskommando. Ohne Ausbildung oder Studium bist du, zumindest in Europa bzw. im ganzen Westen nicht wirklich viel Wert. Auch ich vertrat lange die Auffassung und bin bis heute noch nicht wirklich von diesem Dogma befreit. Familie, Bekannte, Freunde, Nachbarn bzw. eigentlich so gut wie alle im eigenen Umfeld glauben und handeln nach ähnlichen Prinzipien und Wertvorstellungen. Sich davon zu befreien und einen ganz individuellen Weg einzuschlagen, der sich von der Masse unterscheidet, ist aus eigener bisheriger Erfahrung nicht immer ganz einfach.

Der Trugschluss der meisten Menschen ist wohl, dass man der Auffassung ist, man würde aus seinem eigenen Selbst heraus handeln, wenn man den vorgefertigten und vorgegeben Weg der Masse folgt. Das mag für den ein oder anderen vielleicht auch so sein. Aber alle anderen halten die Entscheidungen fälschlicherweise für die ihren. Denn das Selbst welches wir meinen zu sein, ist nichts anderes als übernommene Glaubenssätze von unserer jeweiligen Gesellschaft in der wir leben. Bei mir jedenfalls herrschte eine ziemlich große Diskrepanz zwischen dem Selbst, was mir aufoktroyiert wurde und demjenigen Selbst, welches meiner wahren Natur entspricht. Hinzu kam in meinem Fall auch noch, dass ich ein gewisses Pflichtbewusstsein gegenüber meiner Familie aufgebaut habe, welches mir Vorgab dem ungefähren Wünschen bzw. Vorstellungen meiner Eltern gerecht werden zu wollen.

All die aufgezählten Gründe machten es mir nicht gerade einfach meinem Herzen, welches ohne Frage für Bali und all die spannenden Aufgaben die damit einhergehen, zu folgen. Ohne Hilfe von einer höheren Instanz, wäre ich wohl nicht in der Lage gewesen mich von der Sicherheit und dem Leben in Deutschland zu trennen. So kreierte ich mir Anfang Juni oberflächlich betrachtet eine ziemlich unangenehme körperliche Einschränkung. Als ich eines Morgens in den Spiegel schaute, stellte ich beim näheren betrachten meines Gesichts fest, dass meine Nasenwinkel eingerissen waren. Eine Verletzung, von der ich noch nie zuvor etwas gehört habe und mir beim besten Willen nicht herleiten konnte, wie es dazu gekommen ist. Äußerlich kaum sichtbar, aber dennoch sehr einschränkend. Bald war es mir nicht mehr möglich normal zu essen, zu lachen, meine gesamte Mimik zu benutzen und Sport zu treiben. Nicht weil ich nicht dazu in der Lage gewesen wäre, sondern vielmehr, weil bei all diesen alltäglichen Tätigkeiten die Gefahr bestand, dass die Verletzung am Nasenwinkel weiter einreist.

Anfangs noch in der Annahme, dass ich ein paar Tage Geduld brauche, damit die Wunde ausheilen kann, verging Woche um Woche ohne ersichtliche Verbesserung. Relativ schnell machte ich mir eingehende Gedanken darüber welchen tieferen Sinn dieses Vorkommnis bzw. welche Message darin wohl versteckt sein mag. Ich sah also primär nicht nur das Problem, sondern war auch darauf bedacht und interessiert, in wieweit ich das augenscheinliche Problem in eine Chance oder gar ein Geschenk umwandeln kann. Immer wieder kam ich zu dem Entschluss, da ja die Nase betroffen war und man nach einem alten Sprichwort bekanntermaßen „Immer der Nase nach sagt“, dass es womöglich ein Zeichen meines Unterbewusstseins sein könnte. Ein Zeichen, welches mir vermitteln möchte, dass ich mich nicht auf dem Rechten, für mich vorgesehenen Weg, befinde.

Nichtsdestotrotz gelang es mir nicht immer in einer positiven Energie zu bleiben, ehrlicherweise sah ich oft nur anstatt der Chance ein großes nerviges Problem. Eben wegen diesen Stimmungseinbrüchen und dem Festhalten an alten Konditionierungen zog sich meine ganz persönliche Nasengeschichte sage und schreibe 9 Wochen dahin, ohne vollständig zu verheilen. Bis ich nach diesen turbulenten 2 Monaten meinen ganzen Mut zusammengenommen habe und eine tiefgreifende Entscheidung fällte.

Diese Tiefgreifende Entscheidung beinhaltet den Plan, Deutschland zu verlassen um nach Bali auszuwandern. Hätte mein Körper nicht in letzter Instanz die Nasenproblematik kreiert, wäre die Entscheidung bestimmt nicht gefallen und wenn, dann wohl erst nach meinem Studium. Ich habe mich mit dieser Entscheidung also bewusst dazu entschieden, einen sicheren und zukunftssichernden Studienplatz aufzugeben, meine Freunde zurück zu lassen,  auf die gewohnte und weitentwickelte Infrastruktur zu verzichten, meine Familie nur noch 1-2 Im Jahr zu sehen und noch viele weitere Dinge hinter mir zu lassen.

Die Frage nach dem Wofür stellt sich  selbstverständlich in den Raum. Für mich persönlich war die Fragestellung schon längst mehr oder weniger beantwortet. Durch meine Zeit, die in während dem letzten Jahr in Bali verbracht habe, durfte ich erfahren, dass es auch andere Wertesysteme, Prioritäten und schlussendlich Lebensgestaltungsmöglichkeiten gibt. Eben diese sagen meiner Vorstellung, was es heißt wirklich zu Leben weit mehr zu als die „Norm“ in Deutschland. Aus diesem Grund war und ist es mir auch heute noch ein leichtes, diese ganzen Vorzüge einer vermeintlich weitentwickelten Gesellschaft hinter mir zu lassen und mein Leben in einer völlig anderen Umgebung und einem anderem Kulturkreis neu auszurichten.

Hätte man mir vor etwas weniger als 2 Jahren während meiner letzten depressiven Episode prophezeit, dass ich 24 Monate später Bali mein zu Hause nennen darf, hätte ich wohl nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Auch heute noch muss ich mich in manchen Momenten kneifen um auch wirklich ganz sicher zu gehen, dass ich nicht Träume.