Meine Lebensgeschichte

 

Mein  Name ist Sebastian Alt, aktuell bin ich 22 Jahre Jung. Geboren bin ich in Heidelberg und lebe bis zum heutigen Tag noch in der näheren Umgebung. Aufgrund meiner teilweise doch sehr verzwickten vergangenen Jahre, die in 2 akuten depressiven Episoden gipfelten bin ich an den Punkt gekommen Bilanz zu ziehen.  Bilanz zu ziehen  mit dem Ziel, dass Menschen, die diese Website besuchen, das Martyrium welches ich Zeitweise erlebt habe nicht in vollem Maße durchlaufen müssen. Dies ist eine  Geschichte, die vorwiegend beschreiben soll, welche Aspekte meines Lebens zu der Entstehung meiner depressiven Episoden geführt haben und wie ich meine Depression subjektiv erlebt und durchlebt habe.

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen, die sich in solch einer akuten psychischen Instabilität wieder finden, fragen: wieso ich? Wie kam es zu dieser Situation bzw. was hat explizit dazu beigetragen? Jedenfalls ging es mir so. Klar ist, dass eine Depression durch eine Verkettung vieler verschiedener Faktoren entsteht, die in relativ kurzer Zeit auf das Gemüt einwirken.

Ich möchte von meiner ganz persönlichen Geschichte erzählen damit, Du als Leser, einen Eindruck davon bekommst aus welchen Umständen ich  entstamme, in welch Prekären Lage ich mich noch vor einigen Monaten befunden habe, wie es mir aktuell geht und vor allem welche Form der Therapie mir persönlich geholfen hat das Martyrium mit dem Namen „Depression“ vermeintlich für immer hinter mir zu lassen.

Ich entstamme aus einem Elternhaus, das aus finanzieller bzw. materieller Sicht, auf Basis der Definition unserer Gesellschaft, als Wohlhabend eingestuft wird. Meine Eltern haben nach ihren Möglichkeiten alles für mein Wohlergehen getan. Sie hatten beide aus ihrer Perspektive gesehen gute Absichten und vermittelten mir dies auch. Dennoch verlief meine frühkindliche Phase nicht ohne Zwischenfälle und destruktiven Phasen, was meine Entwicklung anbelangt.

Der erste einschneidende Vorfall war die Scheidung meiner Eltern während meines Dritten Lebensjahres. Da sich meine Eltern im Streit getrennt haben, hielten die Auswirkungen der Scheidung besonders in Bezug auf mich, da ich so gesehen als Bindeglied meiner Eltern blieb, noch lange an. Es gelang ihnen aufgrund ihrer festgefahrenen Überzeugungen nicht einen gemeinsamen Nenner bezüglich der Erziehung meiner Wenigkeit zu finden. Man könnte die Gegebenheiten in einem bildlichen Darstellung wie folgt beschreiben: Ich als Kind war wie beim Tauziehen das Seil. Meine Eltern standen sich gegenüber und zogen wie bei einem Wettkampf an den beiden Enden. Sie buhlten geradezu um meine Liebe zu ihnen. Besonders meine Mutter stellte die eigentlich nötige Konsequenz, welche ein Kind in diesem Alter benötigt, hinten an um ihre Wünsche zu verwirklichen. So war es unmöglich, dass meine Erziehung auf einer klaren und übersichtlichen Struktur aufgebaut wird. In wie weit sich dieser Umstand auf mein weiteres Leben ausgewirkt hat, weiß ich nicht. Ich kann jedoch sagen, dass es mit Sicherheit keine positive Auswirkung auf meinen weiteren Entwicklungsverlauf hatte.

Somit kam es wohl trotz der vermeintlich guten Absichten meiner Eltern zu der ersten Anomalie in meinem Leben. Nichtsdestotrotz war ich in meiner Kindheit ein lebensbejahendes, aufgewecktes und selbstbewusstes Kind, dem es weder an Freunden noch an sonst was fehlte. Bis zum Beginn der Pubertät verlief mein Leben also, bis auf die ständig angespannte Situation meiner Eltern, in weitgehend geordneten Bahnen. Bis auf eine, von mir lange verdrängte, und mir bis heute noch unangenehme Erkrankung. Ich war bis zu meinem 12. Lebensjahr ein sogenannter Bettnässer. Ich konnte also während dem Schlafzustand meine Harnröhre nicht kontrolliere. Dies führte sehr oft dazu, dass ich am Morgen in einer Nassen, unangenehmen und mir äußerst peinlichen Situation aufgewacht bin. So ungehemmt und ohne Ängste, wie es jeder meiner Freunde konnte, war ich z.B nicht in der Lage bei Freunden zu schlafen. Die ständige Angst es könne was daneben gehen, hat es mir so gut wie immer Verboten bei Freunden zu schlafen. Heute bin ich mir zu 100% sicher, dass ich aufgrund dieses Umstandes kein wirklich gesundes Selbstbewusstsein aufgebaut hatte. Nicht nur in der akuten Zeit, sondern auch im Blick auf die folgenden Jahre.

Mit der Pubertät und der damit einhergehenden hormonellen Umstellung änderte sich so einiges. Aufgrund einer pubertätsbedingten Akne viel es mir zunehmend schwer eine selbstwertschätzende Haltung gegenüber mir selbst einzunehmen. Die Leistungen in der Schule ließen nach und führten dazu, dass ich gezwungen war zu Beginn der 7. Klasse das Gymnasium zu verlassen. Gleichzeitig dezimierte sich auch mein bisher großer Freundeskreis auf einige wenige enge Freunde. Langsam aber beständig bugsierte ich mich selbst weitestgehend in Abseits. Mir gelang vermehrt nicht mehr im wirklichen Leben die von mir ersehnte Anerkennung und Wertschätzung zu generieren. Aus diesem Grund fing ich an mir meine Bestätigung in der virtuellen Welt einzufordern. Geschützt durch die Anonymität des Internets konnte ich mir meine  Wunschidentität selbst kreieren. Bald schon kam ich dahinter, dass die illusionäre Anerkennung im Internet einfacher und schneller zu erreichen war, als im wirklichen Leben. So kam es dazu, dass ich den Fokus von der Realität genommen und auf die virtuelle Welt neu ausgerichtet habe. Es dauerte daher nicht lange, bis meine schulischen und sozialen Verpflichtungen erheblich darunter zu leiden begannen. Mein Tagesablauf fand zu großen Teilen vor dem Bildschirm statt. Freunde, Familie und andere soziale Interaktionen spielten bald keine Rolle mehr. Mit der Zeit fing ich damit an, erst nur für einige Stunden, von der Schule weg zu bleiben. Dies weitete sich  sehr schnell zu einem permanenten Fehlen aus. 18 Stunden und mehr saß ich so Tag für Tag vor meinem Computer und baute meine anonyme Identität immer weiter aus. Es dauerte nicht lange, bis ich die ersten Konsequenzen meines Lebensstils zu spüren bekommen habe. Meine Familie sowie die Administration meiner damaligen Schule setzten die ersten Hebel in Bewegung um meiner sozialen Vereinsamung ein Ende zu bereiten. Weder der Druck von der Schule noch die Versuche meiner Familie, meiner Situation gerecht zu werden, waren erfolgreich. In dieser Periode war meine Sucht hinsichtlich der verschiedensten Online-Games schon zu mächtig.

Die mangelnde Konsequenz meiner Mutter bei der ich zu diesem Zeitpunkt gelebt habe und der eigene Unwille meine Situation zu ändern, leiteten mich in eine Sackgasse. Nach weiteren Monaten der komplette Stagnation und Destruktivität, sah sich meine Mutter gezwungen Hilfe von außen zu Rate zu ziehen. Das Hilfegesuch endete für mich schlussendlich in einer Kinder- und Jugendpsychatrie und war gleichzeitig auch mein erstes Aufeinandertreffen mit der psychiatrischen Abteilung der Hochschulmedizin.

Ich verbrachte dort 4 Wochen um in erster Linie Abstand zu den Versuchungen des Internets zu gewinnen. Meine Diagnose lautete damals „Internetsucht“, welche 2012 noch weitgehend unerforscht und unbekannt war. Ob die Zeit in der Klinik oder meine eigene Orientierung schlussendlich zu einer Entschärfung der Situation geführt hat, lässt sich heute nur noch schwer sagen.

Jedenfalls hatte ich nach dieser einschneidenden Lebensphase meiner noch sehr jungen Lebens eine Zeitspanne von 3-4 Jahren, in denen ich weitestgehend ohne größere erwähnenswerte Vorfälle gelebt habe. Aufgrund des langen fern Bleiben vom regulären Schulalltag musste ich eine Klasse wiederholen und gleichzeitig von der Realschule auf die Hauptschule wechseln. Dort erkannte ich überraschender Weise den Wert der Schule und war dementsprechend motiviert bei der Sache. Aufgrund eines sehr kooperativen Direktors, der in mir ein Potenzial entdeckt hat, von dem ich bisher nicht wirklich was wusste, konnte ich auf dieser Schule eine Klasse überspringen und ohne ein Jahr verloren zu haben meinen Realabschluss absolvieren.

Nichtsdestotrotz war ich über diese Zeit weit davon entfernt ein gesundes Selbstbewusstsein zu besitzen und demzufolge mit einer Leichtigkeit durchs Leben zu gehen. Mein tägliches Erleben war von Unsicherheiten und eigens kreierten Grenzen durchzogen, die es schwer machten mich so zu entfalten wie ich es gerne gehabt hätte. Der Hang zur Negativität und zum Pessimismus hat sich ungefähr zu diesem Zeitpunkt in mein Leben konsolidiert.

Nicht zuletzt aus dem Grund, weil sich bei mir im Alter von 16 Jahren ein Tinnitus im linken Ohr gebildet hat. Eine Erkrankung, die ich bisher mit einem fortgeschrittenen Alter in Verbindung gebracht habe. Nun war ich eine introvertierte Person, die ihre Zeit gerne alleine Verbracht und die Ruhe genossen hat. Von nun an war an Ruhe nicht mehr zu denken, denn wenn es ruhig war, keine äußeren Reize auf mich eingeprasselt sind, war das Fiepen im Ohr ständig präsent .Der Tinnitus löste bei mir, vor allem in der Anfangszeit, regelrecht ein Gefühl der Angst aus. Nichtsdestotrotz greift, zu meinem Vorteil, auch hier die Macht der Gewohnheit zu. So war es mir nach einigen Monaten möglich, den Tinnitus gekonnt zu ignorieren und im Laufe der folgenden Jahre, besonders nach der intensiven Auseinandersetzung mit der Ursache förmlich aufzulösen. 

Kurze Zeit nach meinem Realschulabschluss und noch vor Beginn des Wirtschaftsgymnasiums hat sich durch meinen damaligen Freundeskreis das erste Mal eine Bewusstseinserweiternde Substanz, man könnte als Synonym auch Droge verwenden, in mein Leben geschlichen. Hierbei handelte es sich  um Cannabis. Anfangs von der Versuchung und spannendem des Verbotenen angezogen, merkte ich nach mehrmaligen Konsum schnell, dass diese Substanz das Potenzial hat dich in einen anderen und größtenteils angenehmeren Zustand zu versetzen, als im nüchternen erleben der Umwelt. Trotz des regelmäßigen Konsums am Wochenende, stellte dieser Umstand lange kein Problem für meine schulischen Leistungen und meinem seelischen Befinden dar.

Nach knapp 2 Jahren des spärlichen Konsums und weitestgehend guten Leistungen in der Schule, lernte ich in der 12 Klasse meine damalige Freundin kennen, die mich das erste Mal auf eine Party mitgenommen hat, bei der ein Großteil der anwesenden Personen härtere Drogen als Cannabis konsumierten. Bis Dato war mein Status Quo, wie bei dem Großteil unserer heutigen Gesellschaft, dass Drogen mit einem Stigma behaftet sind und unweigerlich zum sozialen Abstieg führen. Im Verlauf des weiteren Abends kam es dann zu einem Punkt, der mein weiteres Leben auf einschneidende Art veränderte. Meine Gruppe, die damalige Freundin mit inbegriffen, entschieden sich kurz vor Mitternacht Extacy in Form mehrerer Pillen zu konsumieren. Da ich damals, aus meiner kindlichen Sichtweise, nicht wie ein Außenseiter dastehen wollte und durchaus daran interessiert war, was chemische Substanzen für Bewusstseinsveränderungen hervorrufen können, entschied ich mich dafür eine halbe Extasy Pille zu konsumieren.

Nach einer Stunde des Wartens stellte ich die ersten leichten Veränderungen in meinem Bewusstsein fest. Mein Körper lud sich wie ein energetischer Ball Stück für Stück immer mehr auf. Die Gedanken in meinem Kopf rasten wie wilde Kanonenkugeln umher. Insgesamt fühlte ich mich trotz dieses Energieüberschubs fantastisch. Meine Introvertiertheit, die Unsicherheiten und im Allgemeinen hat mein ganzes Auftreten sich durch diese Pille um 180 Grad gedreht. Ich verlebte in dieser Nacht  eine Zeit der Freude und des Glücks, die in solcher Intensität noch nie vorhanden war. Nähere Ausführungen dieser Erfahrung würden Den Rahmen sprengen, dennoch war es mir ein starkes Anliegen auch diese Seite meines Lebens zu beleuchten, da Drogen einen nicht unerheblichen Faktor in meiner Depressionsproblematik gespielt haben.

Wie zu erwarten blieb es nicht bei dieser einen Erfahrung. Über die nächsten 1 ½ Jahre häuften sich die Kontakte mit der Drogenszene in meinem Umkreis. So dauerte es nicht lange, bis meine schulischen Leistungen massiv darunter zu leiden begonnen haben. Zu dieser Zeit legte ich meinen Fokus auf eine komplett falsche Lebensweise, was mir natürlich erst im Nachhinein in mein Bewusstsein gerückt ist. Um meine Feiereskapaden auch weiterhin ungehindert durchführen zu können, entschied ich mich deshalb dazu, 6 Monate vor den Abiturprüfungen die Schule abzubrechen. Stattdessen habe ich im darauffolgenden Jahr ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, welches mir dann schlussendlich doch noch das Fachabitur eingebracht hat.

Im Oktober des Jahres 2015 und damit 2 Monate vor meiner Beendigung meines Freiwilligen Sozialen Jahres stellte sich fast unmerklich ein Gefühl ein, dass ich so bisher nicht kannte. Beginnend mit einer inneren Unruhe und einem zeitweisen Gefühl der inneren Leere und Sinnlosigkeit, fanden diese bisher nur in Abschnitten vorhandenen Gemütszustände bald ein permanentes zuhause in meinem Inneren. Befeuert durch den noch immer vorhandenen Drogenmissbrauch und der zusehenden Perspektivenlosigkeit, die darin begründet war, dass ich nicht wusste wie es nach dem FSJ für mich weitergeht, verschlechterte sich mein Zustand zusehends. Mit dem Ende der sozialen Tätigkeit im Kindergarten und der damit einhergehenden fehlenden Struktur, besiegelte sich der Umstand meiner ersten schweren depressiven Episode in meinem Leben. Die nicht mehr vorhandene Verpflichtung jeden Tag das Haus zu verlassen, läutete nun auch den Beginn meiner sozialen Isolation ein.

Von nun an verschlechterte sich mein seelischer Zustand von Tag zu Tag dramatisch. Durch den nicht mehr vorhandenen Input meiner Umwelt, der ich mich total verschlossen habe, hat sich eine ganz eigens von mir kreierte selbstzerstörerische Selbstwahrnehmung gebildet, die schon bald zu meiner Realität wurde.

Abseits von meiner psychischen Instabilität, hatte ich auch mit physischen Leiden zu tun. Zum einen hat sich nach meiner Pubertät eine Hauterkrankung mit dem Namen seborrhoisches Ekzem in mein Leben integriert. Hierbei handelt es sich um eine Pilzerkrankung die auf der Kopf- und Gesichtshaut in Form von Rötungen zeigt, einen starken Juckreiz auslöst und anschließend eine Schuppung der Haut verursacht. Alles in allem eine sehr unangenehme Sache, die oft dazu geführt hat, dass ich mich dagegen entschieden habe das Haus zu verlassen, geschweige dem die Kraft aufbringen konnte soziale Interaktionen zu pflegen. Des Weiteren litt ich schon mit Anfang 20 an einem erblich bedingten Haarausfall. Der besagte Haarausfall begrenzte sich zwar auf meine Geheimratsecken und war auch nicht besonders stark, jedoch stellte er für mich eine sehr starke Eingrenzung dar. Nicht zuletzt aufgrund meines teilweise krankhaften Perfektionismus. Ich habe meine Messlatte im allgemein schon immer sehr hoch angesetzt. Sei das jetzt in Fall mit dem Haaren, meinem Aussehen oder im Bereich des kognitiven Potenzials. Der Vergleich mit meinen Mitmenschen war für mich in jedem Lebensbereich allgegenwärtig.

Ein anderer ausschlaggebender Grund für die Hoffnungslosigkeit, die sich wie ein Schatte über meine Existenz gelegt hat, war die subjektive Auffassung, dass mein Intellekt nicht meinen persönlichen Ansprüchen gerecht geworden ist. Ich war der felsenfesten Überzeugung, plakativ ausgedrückt, dumm zu sein. Mir fiel es während meiner depressiven Schübe unheimlich schwer konzentriert zu bleiben, da meine Aufmerksamkeitsspanne zu 90 Prozent damit beschäftig war meine Gedankenspiralen zu analysieren. So war es mir nicht möglich meine gewohnt kompetente und eloquente Ausdrucksweise beizubehalten. Es war eine riesen Hürde die einfachsten Konversationen zu führen, da ich mich größtenteils so  Substanzlos gefühlt habe, dass eine Interaktion mit meiner Umwelt schlichtweg nicht möglich war.

Dieser Zustand hielt für knappe 4 Monate an und endete aufgrund der selbstzerstörerischen Gedankenspiralen mit schwerwiegenden suizidalen Absichten. Zu diesem Zeitpunkt wusste sich meine Familie nicht mehr anders zu helfen, als den psychiatrischen Notdienst zu kontaktieren. Dies führte zu einem Gespräch mit einem Psychiater, der mir direkt beim ersten Gespräch Antidepressiva verschrieben hat. In weiteren Gesprächen wurde mir nahe gelegt eine tagesklinische Behandlung in Betracht zu ziehen mit der Voraussetzung weiterhin Psychopharmaka zu nehmen. Da ich grundlegend gegen eine solch Behandlung bin, die im Endeffekt nur Symptome behandelt, die Ursache meist aber außer Acht lässt, habe ich mich dagegen entschieden.

 Zu meinem Glück konnte ich meiner Umgebung, die mit größter Wahrscheinlichkeit zu einer Stagnation meines Gemütszustandes geführt hätte, entfliehen. Enge Freunde von mir haben mir die Möglichkeit geboten mit einem Wohnmobil für 2 Monate Italien zu bereisen. Anfangs noch verängstigt und durch meine beständige Hoffnungslosigkeit gehemmt, überwand ich meine Lethargie und entschloss mich dieses Abenteuer zu wagen um der Depression die Stirn zu bieten. Gewiss waren die beiden Monate nicht einfach, speziell die Anfangszeit stellte eine große Herausforderung dar. Nichtsdestotrotz wuchs mit jeder Hürde, die es zu überwinden galt, mein allgemeines Befinden und somit auch mein Selbstbewusstsein. Als Resümee kann ich mit Sicherheit sagen, dass dieses Abenteuer meine Depression zu diesem Zeitpunkt vollkommen aufgelöst hat und mit höchster Wahrscheinlichkeit besser gewirkt hat als jede psychotherapeutische Behandlung es je hätte tun können.

Die darauf folgenden Monate stellten den schönsten Sommer dar, den ich in meinem bisherigen Dasein verleben durfte. Ich verbrachte nach der 2 Monatigen Italienreise einen Monat in Deutschland, fand eine temporäre Freundin und genoss diese Zeit in vollen Zügen. Bis ich mich dann Anfang August 2016 auf eine weitere 2 Monatige Festivaltour nach Portugal aufmachte. Anders als die Reise nach Italien, war dieses Abenteuer primär von Festivals und dem für mich zu diesem Zeitpunkt einhergehenden Drogenkonsums geprägt. Damals hatte ich schon die unterschwellige Vermutungen, dass meine Depression nicht zu einem ausgeglichenen Zustand, sondern vielmehr zu einer manischen Episode um geschwungen ist, also von einem Extrem ins andere. Da meine Selbstüberzeugung in dieser Zeit fernab von jeder Realität war, konsumierte ich während der Zwei Monate in Portugal so viele Drogen wie noch nie in meinem Leben.  Unser Lebensstil war im wahrsten Sinne des Wortes nicht von dieser Welt. Wir pendelten in unserem Camper zwischen Festivals und Stränden hin und her, rauchten bis zu 20 Joints am Tag und konsumierten beinahe täglich noch andere Substanzen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Jeder Traum findet unumgänglich ein Ende und manches Mal sogar schneller als man es für möglich gehalten hätte.

So kam es, dass wir im Oktober unsere Heimreise ansetzten. Anfangs noch von der Euphorie der letzten Monate getragen, setzte bald der Alltag ein und damit auch die damit einhergehende Realität. Da in Portugal so ziemlich alles interessanter für mich war, als mich mit meiner Zukunft zu befassen, stand ich ähnlich wie im Jahr zuvor vor einer unsicheren Zukunft. Man sollte meinen, dass ich aus dem Martyrium, welches sich in Form der Depression noch ein paar Monate zuvor gezeigt hat, gelernt habe. Leider war dem nicht so und so kam es, dass sich mein Zustand fast parallel zu der vorherigen depressiven Episode zunehmend verschlechtert hat. 

Durch den enormen Eingriff der Drogen in meine Gehirnchemie, war meine zweite schwere depressive Episode gravierender in den Auswirkungen. Die innere Unruhe, die mir besonders am Morgen nach dem Aufstehen enorm zusetzte, erfüllte mich mit dem Wunsch direkt wieder zu schlafen. Denn der unbewusste Zustand des Schlafens war für mich das einzige auf was ich mich ansatzweise gefreut habe. Ein fast permanenter Druck der auf meinem Brustkorb lag, vergleichbar mit einem Schwarzen Loch, das alles verschluckt, entzog mir jegliche Lebensenergie.

So entstand der für mich logische Schluss, meines Verstandes, die Annahme zu vertreten, dass die nicht Existenz, also der Tod dem Leben vorzuziehen ist. Anders als im Jahr zuvor, waren meine suizidalen Absichten dieses Mal viel präsenter und vor allem aber auch präziser. Ich war Anfang dieses Jahres kurz davor mir mein eigenes, jetzt so schönes, Leben zu nehmen, ohne die Dramaturgie unnötig aufblasen zu wollen.

Dieser suizidale Zustand hielt in seiner Intensität fast 3 Monate an. Nachdem ich auf wiedermaligem Drängen meiner Familie bei einem Psychiater vorgeladen wurde, war für ihn sowie auch für mich selbst relativ schnell klar, dass eine stationäre Behandlung dringend von Nöten sei. Nach mehrwöchiger Wartezeit war es dann soweit. Ich befand mich nun in einer psychosomatischen Klinik, in der ich mit 20 weiteren schwer depressiven Menschen untergebracht war. Mein Zustand war sehr kritisch zu dem Zeitpunkt, daher wurde mir in den ersten Tagen sogar verboten alleine die Station zu verlassen. Medikamentös wurden mir Tavor, ein Beruhigungsmittel, und ein Antidepressivum verabreicht. Da ich überhaupt kein Sympathisant der Psychopharmaka bin und auch war, viel es mir sehr schwer diesen Umstand zu akzeptieren. Ich war damals aber so hilflos und  unbeholfen, dass ich jeden Strohhalm der in irgendeiner Weise Hilfe bot, dankend annahm.

Mein Zustand hat sich trotz der Medikamente und engmaschigen Therapie über knappe 4 Wochen nicht merklich verändert. Nur sehr langsam lies mich das Dunkle Tal in dem ich mich so lange aufgehalten habe, mehr und mehr Licht am Ende des Horizonts erkennen. Es waren kleine Schritte, die in ihrer Summe jedoch eine merklich positive Veränderung meiner Situation dargestellt haben. Nach 10 Wochen in der Klinik mit inkludierter Tagesklinik, wurde ich in einem stabilen Zustand entlassen. Jedoch war ich immer noch sehr weit davon entfernt, behaupten zu können, dass ich mein Leben als freudiges und angenehmes Dasein bezeichne.

Es änderten sich jedoch grundlegende Dinge nach meiner Entlassung aus der Klinik. Ich fing an mein Leben soweit es ging wieder selbst in die Hand zu nehmen. War ich während meiner Depression primär damit beschäftigt im Selbstmitleid zu versinken und andere für mein Leid verantwortlich zu machen, übernahm ich jetzt weitestgehend selbst die Verantwortung für mein Handeln. Ich erkannte, dass ein Wandel nur von statten gehen kann, wenn der Wille zur Veränderung prägnant genug ist. So machte ich es mir zur Aufgabe eine konsequente Tagesstruktur zu verfolgen, die präventiv dazu dient, alte Verhaltensmuster nicht mehr in Betracht zu ziehen. Ich begann aktiv Sport zu treiben, Joggen und Krafttraining gehörten jetzt fest zu meiner Struktur. Meinen Kontakt zu Freunden und Familie nahm ich auch wieder vermehrt auf, anfangs noch zwanghaft, fiel mir es mir der Zeit wieder einfacher meine Aufmerksamkeit nach außen zu richten und Gefallen an den Treffen mit meinen Freunden zu finden.

Langsam aber sicher fand ich den Weg zurück zu einem Leben, das sich zu leben lohnt. Dennoch schlummerte tief in mir eine Angst, die es mir sehr erschwert hat, trotz meiner positiven Entwicklung zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Ich fühlte mich zwar einigermaßen stabil, dennoch kamen leichte depressive Abschnitte immer wieder an die Oberfläche. Dies brachte mich zu dem Schluss, dass die von mir zu dem Zeitpunkt noch eingenommenen Medikamente meine Gefühle nur unterdrücken, nicht aber ganzheitlich heilen. Ähnlich wie der Verschluss eines Fasses, der die Funktion hat dieses nicht überlaufen zu lassen.

Daher wollte ich mich mit dieser mir augenscheinlichen Notlösung nicht zufrieden geben. Ich spürte, da muss es was geben, was mich von meiner Depressionsproblematik befreien kann und dies permanent und endgültig. Viel zu lange habe ich mich mit einem Zustand zufrieden gegeben, der von Unsicherheiten, Ängsten, Zweifel und im Allgemeinen von keinen glückseligen Gefühlen geprägt war. Daher habe ich mich entschieden die Verantwortung bezüglich meiner Gesundheit aus den Händen der Ärzte zu nehmen um sie mir selbst endlich wieder in die Hände zu legen. Unter diesem Umstand habe ich mich dafür entschieden, eine unkonventionelle Therapie in Anspruch zu nehmen. Durch eine Verkettung glücklicher Umständen bin ich durch einen sehr guten Freund an eine Österreicher geraten, der sich auf eine völlig andere Art dem Thema Depression widmet, als jede mir bisher bekannte Therapieform. Für diesen Schritt hab ich mich dann auch Schlussendlich entschieden und als Teil der Therapie ist dieses Buch dann auch entstanden.

Ich erzähle aus einem speziellen, mir sehr wichtigen, Grund so offen und ungeschönt über meine Vergangenheit. Ich möchte euch, den Lesern, aufzeigen wie es noch vor wenigen Monaten um mich stand um einen Bezugspunkt aufzubauen, der wiederrum in Relation meinem gegenwärtigen Gemütszustand stehen soll. Dies kann vielleicht als Identifikation für all diejenigen welchen dienen, die aktuell mit Depressionen zu hadern haben. Meine Intention ist es ein Stück Hoffnung und Zuversicht in die Denkmuster von meinen Leidensgenossen einzupflanzen. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es genau an jenen Gedanken sehr stark mangelt.

4 Kommentare

  1. Lisa Stegmaier

    Hola lieber sebastian 😀 wie schön gleich so einen input von dir zu bekommen und wie viel passiert ist die letzte zeit. Ich hab gehört das es dir schlecht ging als wir in frankreich waren. Wir haben für dich gesungen und gebetet 🙂 dein blog ist eine wunderbare idee! Ich bin auch dabei einen zu verfassen der dauert noch ein wenig erbheisst padapremasana. Pada ist der weg, prema die liebe und asana die haltung. Ich lebe gerade im ashram in bad meinberg weil ich beim reisen mit der welt da draussen immernoch nicht klar gekommen bin und selbst das reisen anstrengend und sinnlos war solang ich die reise in mich selbst nicht gewagt hab. Das kann ich hier intensiv durch yoga meditation und vielen lieben menschen denen es sehr ähnlich geht. Wir lernen zu lieben und therapieren uns mit uns selbst und der liebe. Das leben gibt uns immer das was wir brauchen wir müssen nur die liebe aufrecht erhalten. Ich plane im mai 2019 weiter zu reisen mit dem rad richtung asien. Ich werde immer mal wieder hier rein schauen was dir schönes passiert und wie du den menschen mit deinen erfahrungen hilfst und mut machst. Fühl dich geliebt ich schicke dir ganz viel licht und wärme in dein herz 🙂 lisa (aus leimen)

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  2. Gabriel G. Marn

    Schön, lieber Sebastian, daß Du Deine überaus wertvollen, persönlichen Erfahrungen hier so offen und klar verständlich zur Verfügung stellst. Du wirst damit so manchem verzweifelten , aber wenigstens noch suchenden Betroffenen helfen, doch noch Hoffnung zu schöpfen, um folglich auch seine eigene Depressionsproblematik leichter in den Griff zu bekommen. Deine Leser werden spüren, wie berechtigt diese Hoffnungen sind, weil Du Deine eigenen Erfahrungen auf diese, Dir eigene, wunderbar-aufrichtige Weise einbringst und mit all jenen, derzeit noch Leidenden teilst, die die Hoffnung auf eine Heilung sehr oft schon fast zur Gänze verloren haben. Auf diese Menschen wirst Du sogar wie ein Engel wirken, der den verzweifelten Menschen zu Hilfe kommt. In der Tat bist Du ja auch ein Engel und alle, die mit Deiner Hilfe Heilung erleben werden, werden dies auch gerne bestätigen…

    Ich gratuliere Dir aus ganzem Herzen zu Deinem gelungenen Blog!
    Bitte mach‘ weiter so!

    Alles Liebe aus Bali!

    Gabriel

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  3. Matthias

    Hello! I just would like to give a huge thumbs up for the great info you have here on this post. I will be coming back to your blog for more soon.

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