Die Überschrift des Kapitels mag auf den ersten Blick nur schwer verständlich bzw. nachzuvollziehen sein. Ein Problem, das gleichbedeutend mit einem Geschenk ist, macht augenscheinlich wenig Sinn. Wie soll ein Problem, das gesellschaftlich als destruktiv und nicht zielführend angesehen wird, ein Geschenk darstellen, welches wiederum einen positiven Stellenwert einnimmt. Als ich das erste mal auf diese These gestoßen bin, stellte ich mir die Frage, wie diese beiden vermeintlichen Gegensätze miteinander korrelieren.  Im Grunde stellt diese Angelegenheit für mich ein Paradoxon her, welches ich zu Anfang nur schwer nachvollziehen konnte.

Doch was bringt uns dazu Probleme zu erschaffen und sie dann auch noch mit einer negativen Eigenschaft zu versehen. Der Verstand liebt Probleme, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ein Problem ist eine gedankliche Konstruktion, in dem eine Differenz zwischen dem „Ist“ und „Soll“ Zustand geschaffen wird. Anders ausgedrückt, verharren wir geistig in einer Situation, ohne die Absicht oder Möglichkeit zu haben, sofort entsprechend zu handeln. Wir verharren also in dieser Situation, ohne überhaupt im Entferntesten in Erwägung zu ziehen, dass es eine andere Herangehensweise geben könnte.

Im Zuge meiner Therapie auf Bali bin ich auf ein Zitat gestoßen, dass in seiner Bedeutung einen für mich unermesslichen Wert hat. Es lautet wie folgt: „Es gibt kein Problem, das nicht auch ein Geschenk in seinen Händen trüge. Wir suchen die Probleme, weil wir die Geschenke brauchen“ (Richard Bach). Hier wird ganz klar verdeutlicht, dass jedes Problem auch seine positiven Seiten hat und sogar eine Lösungsressource darstellt, die das Potenzial in sich trägt, sich weiter zu entwickeln. In den Köpfen der Menschen herrscht ein etabliertes Stigma um das Wort „Problem“. Auch ich war lange der felsenfesten Überzeugung, dass Probleme nichts anderes als Steine sind, die uns in den Weg gelegt werden, um uns das Leben zu erschweren.

Wie bei so vielen Aspekten um Leben geht es um die Perspektive, also der Betrachtungsweise. Man hat grundsätzlich die Wahl zwischen einer optimistischen und pessimistischen Betrachtung. Pessimismus, frei nach dem Motto „Das Glas ist halbleer anstatt halbvoll“, fördert die uns aufkonditionierte Haltung, dass Probleme eine destruktive Energie haben. Probleme verschaffen uns so etwas wie eine Identität, unbewusst wird daraus sogar ein Teil unseres Selbstgefühls kreiert. Wir lassen uns so von den Lebensumständen beherrschen und verlieren dabei im Umkehrschluss mehr und mehr an Lebensqualität. Für den einen oder anderen mag dies wohl weit hergeholt sein, aber ich gehe davon aus, dass die EGO-Gesellschaften der westlichen Welt ein Faktor für unsere negativen Denkmuster sind.

Mein DepressionsPROBLEM ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass ein vermeintlich unüberwindbares Problem, das in meinem Fall fast im Suizid geendet hat, durchaus transformiert werden kann. Rückblickend war dieses Martyrium das wohl größte Geschenk, das ich je erhalten habe. Ohne dieses vermeintliche seelische Leiden, wäre es wohl nie dazu gekommen 3 Monate in Bali zu verbringen, um dort Dinge zu erlernen, die ich wohl sonst nie hätte erlernen dürfen. Ich hätte wohl auch nie mit dem Surfen angefangen und vor allem nicht dieses Bewusstsein erlangt, welches ich nun besitze. Die Liste der aus der Depression hervorgegangen positiven Aspekte ließe sich hier noch ohne Probleme lange weiterführen. Das schöne ist, dass dieses Prinzip, wenn man es so nennen mag, als eine Konstante im Leben angewendet werden kann.

Anfangs ist es ohne Frage schwer, mit etwas konfrontiert zu werden, dass dem ursprünglich geplanten Verlauf entgegensteht. Eben solche Ereignisse werden geläufiger Weise als Problem definiert. Dies geschieht durch unsere Angewohnheit den gegenwärtigen Augenblick zu verleugnen und ihm Widerstand zu leisten. Es hindert uns daran auf einem positiven energetischen Niveau zu bleiben, denn Widerstand nimmt uns mehr Kraft, als wir uns vorstellen können. Durch Selbstbeobachtung erreichen wir etwas mehr Gegenwärtigkeit in unserem Leben. Dadurch ziehen wir die Aufmerksamkeit von Vergangenheit und Zukunft ab, die entscheidend an unserer Problemkreierung beteiligt sind. Es lohnt sich also ungemein seine bisherigen Denkmuster über Bord zu werfen, den Blickwinkel zu ändern und Probleme nicht mehr als diese Wahrzunehmen.

Wenn wir Probleme erschaffen, verursachen wir unweigerlich Schmerz. Schmerz, der uns selbst betrifft aber durch unser Handeln auch auf andere übergreifen kann. Im Grunde ist die Wahl ganz leicht, denn sie bedarf nur einer einzigen Entscheidung, die festlegt, dass wir keinen Schmerz mehr verursachen. Die Entscheidung ist zwar einfach aber durchaus radikal. Es bedarf einen einschneidenden Wechsel auf die Sicht der Dinge. Um bei der vorangegangenen Metapher zu bleiben, ist das Glas nun immer halb voll. Durch den Perspektivenwechsel und der Kenntnis, dass Probleme unsere größten Sprungbretter hin zu einem höheren Bewusstseinsebene sind, müssen wir nur noch die Augen offen halten und die Geschenke suchen.

Unser falsches Selbst, das Ego, tendiert meist dazu Probleme zu erschaffen, den daraus resultierenden Widerstand aufzunehmen und verallgemeinert destruktiv auf unser Selbst zu wirken. Oft verfallen wir in die Identifikation mit unserem Ego, ohne es zu merken. Bei einer stark emotional aufgeladenen Situation, wie z. B. einer Bedrohung unseres Selbstbildes, einer Herausforderung oder aufwühlende Gedanken an die Vergangenheit, kommt es dazu, dass wir oft nur noch unbewusst handeln. Wir werden von unserer Reaktion und unseren Emotionen vereinnahmt und werden eins mit ihnen, dem Ego. Wie bei allem haben wir jedoch die Wahl, ob wir uns von unserem Ego leiten lassen oder ob unser wahres Selbst die Leitung übernimmt. Eine gute Methode hierfür ist die allseits bekannte Meditation. Hierbei betrachten wir die Gedanken, fühlen die Emotionen und beachten die Reaktionen. Wichtig hierbei ist, dass keine Wertung oder Analyse erfolgt. Wir fungieren als Beobachter. Als würden wir an einem Flussufer sitzen und den Strom der Gedanken an uns vorbeiziehen sehen.

Von Kindesbeinen an werden wir mit Konditionierungen gefüttert. Beginnend im Kindergarten und im Grund auch schon davor von unseren Eltern. Konditionierungen sind soziale, politische, religiöse und ideologische Glaubenssysteme. All diese Dinge stammen nicht von uns, wir haben sie im Laufe der Zeit übernommen und uns mit ihnen identifiziert. Sie sind so sehr ein Teil von uns geworden, dass wir sie nicht mehr als getrennt von uns wahrnehmen. Ähnlich verhält es sich auch mit unserem spezifischen Thema. Um Veränderung hervorzurufen, ist es nötig, seine bisherigen Konditionierungen kontinuierlich und konsequent infrage zu stellen. Erst wenn wir unsere alten Glaubenssysteme fallen lassen, kann sich eine neue Art des Verstehens entwickeln. Eben diese tiefere Art des Verstehens bringt uns zu dem schon angesprochenen Perspektivenwechsel, der es uns ermöglicht Probleme auf eine andere Art und Weise zu begegnen.

Den Spruch „Glauben ist der erste Weg zur Erkenntnis“ finde ich in diesem Zusammenhang sehr passend. Stelle diese These also erst in ein Wartezimmer. Urteile und zweifle nicht, nehme es zur Kenntnis und schaue was passiert. Ich selbst bin genauso vorgegangen. Mit der Zeit haben sich Ereignisse ergeben, die mir aufgezeigt haben, dass dieses Prinzip eine Erkenntnis ist, welche plakativ ausgedrückt einen Generalschlüssel darstellt, der ein unschätzbarer Wert für unser Leben darstellt.