Verantwortung ist in unserem Sprachgebrauch ein geläufiger und durchaus bekannter Begriff. Es ist heute nahezu selbstverständlich Verantwortung zu tragen oder sie zu erteilen. In unserer heutigen Gesellschaft übernehmen wir aus beruflicher und familiärer Sicht viel Verantwortung. Eltern übernehmen die Verantwortung für ihre Kinder. Mitarbeiter übernehmen die Verantwortung für ihren Tätigkeitsbereich etc. etc.. Im öffentlichen Kontext ist Verantwortung ein fest etablierter Bestandteil und auch von Nöten um eine funktionierendes Miteinander  zu gewährleisten. Wenn es darum geht die Verantwortung über sich selbst, also somit über sein Denken und Handeln, zu übernehmen, stellt man bei genauem beobachten fest, dass dort gravierende Defizite vorzufinden sind. Kaum jemand übernimmt Verantwortung für sein Leben bzw. die Umwelt in der er Lebt. Teilen ist.

Viele von uns, wie auch ich selbst, haben die Macht über unser Leben mitunter völlig aus der Hand gegeben. Dadurch werden wir zu Spielbällen unseres Schicksals. Oft denken wir dann, dass wir vom Pech verfolgt sind oder wir vertreten die Meinung, dass sich das Leben gegen einen verschworen hat. Besonders in meinem persönlichen Fall hat die Verantwortungsabschiebung, im speziellen bezüglich meiner Depression, eine große Rolle gespielt. Selbiges gilt aber auch generell und ist daher ein Thema, bei dem es sich lohnt, etwas tiefer einzutauchen.

Im Grunde kann man Verantwortung nicht abgeben, man trägt sie immer in sich. Jedoch gibt es ein Unterschied zwischen der bewussten und der unbewussten Übernahme der Verantwortung. Den bewussten Weg zu wählen heißt, sich bewusst zu werden, dass alles was uns wiederfährt, alle vermeintlichen Leiden, sei es psychisch oder physisch, kein anderer als wir Selbst uns kreiert haben. Unser Bewusstsein formt unser Leben; alle Erfahrungen, egal welcher Art, sind von uns selbst erschaffen. Wir sind also keinesfalls das  Produkt unserer Umstände, unser Leben folgt demnach auch nicht einem vorherbestimmten Masterplan und wird demzufolge auch nicht von Kräften außerhalb unserer Selbstverantwortung bestimmt.

Das altbekannte Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ trägt eine tiefgehende Wahrheit in sich, die wir heutzutage nicht mehr wirklich erkennen (wollen). Mit der Übernahme der Verantwortung bzw. sich bewusst zu sein, dass nur wir selbst Änderungen in unserem Leben hervorrufen können, gibt es keinen mehr, den wir in der Schuldfrage miteinbeziehen können.  Diese Erkenntnis ist besonders in der Anfangszeit nur schwer zu verdauen. Schonungslos muss man sich mit den eigenen Irrwegen und dem eigenen Fehlverhalten konfrontieren, welche man bisher verdrängt und von sich gewiesen hat. Ausreden und Schuldzuweisungen sind von nun an nicht mehr angebracht. Die unangenehmen Gefühle, die damit einhergehen, sind normal und brauchen eine gewisse Zeit bis sie zu einem Gefühl der inneren Ausgeglichenheit transformiert werden. Um diese Transformation in Gang zu bringen bedarf es jedoch an Handlung. Wir sind dazu aufgefordert uns einer beständigen Selbstreflektion zu widmen, denn nur so gelingt es die manifestierten Angewohnheiten und Konditionierungen Stück für Stück zu lösen. Nach meiner eigenen Erfahrung  versucht sich unser Ego immer wieder an alteingesessene Überzeugungen und Glaubenssätzen festzuhalten. Sehr oft geschieht dies auf eine sehr subtile Art und wird bei mangelnder Bewusstheit nur selten bemerkt. Achtsamkeit und die nötige Konsequenz sind unabdingbar.

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus, bin ich zu der Auffassung gekommen, dass besonders Menschen, wie ich, die an Depressionen leiden, oft nicht die die volle Verantwortung über ihre Situation übernehmen. Zu meiner  Meisterdisziplin gehörte es, zum einen im Selbstmitleid zu versinken und gleichzeitig die Schuld bzw. die Verantwortung für mein Leiden bei meinen Eltern, der Gesellschaft und aber auch ganz allgemein bei meinen Lebensumständen zu suchen. Ich habe im Nachhinein festgestellt, dass ich die Verantwortung aus subtilsten taktischen Gründen nicht übernehmen wollte. Es war mir so möglich, meine Depression als Deckmantel zu benutzen. Ich habe mich meist als Opfer dargestellt und mich so, oft vor Dingen gedrückt, die mir als Unangenehm erschienen sind. Durch dieses Verhalten habe ich selbstverständlich auch wenig dazu beigetragen, etwas an meiner Situation zu verändern. Hilflosigkeit als Gefühl und der Zustand der Stagnation sind bei einer solchen Denkweise geradezu vorprogrammiert. Denn wie soll eine Besserung erreicht werden, wie soll man von seinen Leiden erlöst werden, wenn man der Überzeugung ist, dass man das Werkzeug bzw. den Handlungsspielraum für eine Änderung der Situation gar nicht besitzt. All das geschieht natürlich meist alles unbewusst.

Diese Opfermentalität, welcher ich so gut wie mein ganzes Leben gefolgt bin, gehört aufgrund der Erkenntnisse und Erfahrungen, die ich in Bali gemacht gesammelt habe, der Vergangenheit an.

Das uns allbekannte Ego spielt auch hier eine wichtige Rolle. Es entsteht durch die unbewusste Identifikation mit unserem Verstand. Das Ego hat es geschafft Vorstellungen in meine Gedanken einzuflechten, die mich Stück für Stück ins Abseits getrieben haben. Mit „Vor-stellungen“ meine ich Konzepte, Definitionen, Urteile und Worte die Irritationen und Täuschungen gleich kommen. Wir stellen sie  meist völlig unbewusst, zwischen uns und dem, was wir die Wirklichkeit nennen könnten, fokussieren diese Vorstellungen und verlieren damit endgültig die Sicht auf das Wesentliche. Dabei ist der Verstand, welcher normalweise als Werkzeug dienen sollte, zu einem bestimmenden Herrscher geworden. Dieser bewirkt, dass unsere Gedanken, Gefühle und Emotionen unseren Selbstwert bestimmen und in den meisten Fällen dadurch eine negative Auswirkung zustande kommt.

Das Ego ist stellenweise paradox und auf den ersten Blick sehr oft nicht wirklich zu verstehen. Einerseits treibt es uns allzu oft in Prekäre und unangenehme Gemütszustände, andererseits – und das sollte man nicht außer Acht lassen- ist es stark darauf bedacht, sich vor dem Tod zu bewahren, also auch dem Tod des Egos mit aller Kraft aus dem Weg zu gehen. Nun gilt es also das Ego in gewisser Weise auszutricksen. Es ist von Nöten dem Ego interessante Alternativen zu bieten, die es nicht mehr möglich machen destruktive Verhaltensweisen zu manifestieren.  Auch hier, in Bezug auf das Ego, spielt Verantwortung eine große Rolle. Kein anderer als wir selbst kann sich die Verantwortung, die sich in vielen Bereichen das Ego unter den Nagel gegriffen hat, wieder Bewusstmachen und gleichzeitig das Ruder über unser Denken und Handeln übernehmen.

Mir selbst war lange nicht klar, dass Freiheit und Verantwortung zwei Seiten derselben Medaille sind. Je mehr Verantwortung wir für unser Leben übernehmen,  desto mehr Freiheit bedeutet dies im Umkehrschluss für unser Dasein.

Betonen lässt sich abschließend, dass wir dem Ego gegenüber nicht versklavt sein müssen. Ich persönlich habe erkannt und schlussendlich zu verinnerlicht, dass wir selbstbestimmende Wesen sind, die durch das bewusste Übernehmen der Verantwortung ein Leben leben können, welches uns lange nicht für möglich erschienen ist.