So wie Feuer einen brennbaren Stoff und Eis erst einmal Wasser benötigt, so entsteht auch eine Depression nicht aus dem Nichts. Dennoch hatte ich lange nur eine vage Vorstellungen davon, weshalb diese Erkrankung gerade bei mir solch unheimliche Ausmaße angenommen hat. Klar ist, dass dieses mentale Ungleichgewicht mehreren Faktoren zugrunde liegen muss.

Anders als bei einem Knochenbruch beispielsweise, bei dem ein Mediziner genau weiß, welche Methode angewandt werden muss, um einen positiven Heilungsverlauf hervorzurufen, ist die richtige Methode um eine Depression zu heilen bzw. Die Ursache einer Depression zu finden, ist für viele so verschwommen wie ein vernebelter Frühlingsmorgen. Besonders bei konventionellen Medizinern ist das Spektrum der Behandlung stark begrenzt, nicht individuell und daher ist die schlussendliche Wirkung oft nicht die, die man sich erhofft hat.

Pauschal kann man sagen, dass eine Depression nie aus einem Faktor alleine entsteht, sondern viele verschiedene Faktoren miteinander in Wechselwirkung treten. Ich schildere nun bewusst die vermeintlichen Faktoren, die ich bis vor meiner Therapie als Gründe für mein Leiden ausgemacht habe. Zum einen fehlten mir während der Zeit Zukunftsperspektiven, ich wusste nicht sicher, welchen Beruf oder welches Studium ich ausüben wollte, geschweige dem ob meine Fähigkeiten dazu überhaupt ausreichen. Zum anderen drifteten meine Vorstellungen, wie ich zu sein habe in Relation zu dem wie ich wirklich bin, immer weiter auseinander. Diese enorme Diskrepanz, zwischen dem was ist und meinen Vorstellungen wie es zu sein hat, welche durch meinen Perfektionismus entstand, entwickelte einen inneren Druck, dem ich nicht standhalten konnte. Des Weiteren machte ich zu großen Teilen meine Familie für meine Depression und dem daraus resultierenden Leidensdruck verantwortlich. Es hagelte Vorwürfe bezüglich der genetischen Veranlagung und ich äußerte vehement Kritik an den erzieherischen Leistungen meiner Familie.

Diesen Aspekten habe ich keine Abänderbarkeit zugeschrieben. Daher rührte auch meine trostlose Hoffnungslosigkeit, die meiner Meinung nach eine der prägnantesten Gefühle während der Depression ist. Zusammenfassend habe mich also aus Opfer meines genetischen Erbgutes gesehen und daher eine Lethargie ungreifbaren Ausmaßes aufgebaut, denn zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal im Entferntesten, dass die Verantwortlichkeit bei mir selbst zu suchen ist. Vor allem aber wusste ich nicht, welche Kernursache meine Depression entstehen hat lassen.

Arroganz, Hochmut und Egoismus. Dies sind Charaktereigenschaften, mit denen ich mich ganz speziell während meiner Depression nicht hätte identifizieren wollen. Ohne Hintergrundwissen erscheint diese Annahme auch vollkommen an den Haare herbeigezogen und fernab von dem, was man sich als Ursache einer Depression vorstellen mag. Als ich diese doch sehr brachialen Wörter zu ersten Mal im Bezug zur Depression gehört habe, konnte ich es selbst kaum glauben. Dennoch, wenn man sich näher und intensiver mit der These auseinandersetzt und sich dazu noch möglichst objektiv reflektiert, merkt man schnell, dass es eine Berechtigung gibt diese Wörter mit Depressionen im Allgemeinen zu assoziieren. Das wir als Depressive solch eine Identifikation nicht herstellen wollen und die wachsende Erkenntnis zu Beginn durchaus zu einer Verschlechterung führen kann, steht für mich außer Frage. Für den Weg aus der Negativspirale und der endgültigen Heilung ist dies jedoch unabdinglich.

Das weitverbreitete Dogma, welches besagt, dass Depressive nichts weiter als Opfer unserer modernen Gesellschaft sind und das die Verantwortung zumindest zu großen Teilen nicht bei den Patienten selbst liegt, muss ich hier eingehend verneinen, auch wenn ich selbst von diesem „Schwachsinn“ anfangs nichts hören wollte. Ich selbst habe mich viele zu lange unter dem Deckmantel der Depression versteckt und allzu oft dafür verwendet, prekären, mir unangenehmen Dingen, aus dem Weg zu gehen. Mehr als Stagnation, das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und zerreißenden inneren Druck habe ich durch diesen Versuch der Herangehensweise nicht erreicht. Daher ist es so wichtig ungeschönt und frei Illusionen bzw. Irrglauben zu ergründen und die Wahrheit ans Licht der Bewusstheit zu bringen, welche wie folgt lautet:

Die Entstehung jeglicher Depression hängt stets mit einem ausufernden, genaugenommen sogar krankhaften Egoismus zusammen. Egoismus ist der wahre, eigentliche Nährboden aus dem jede Form der Depression entsteht.

Ein Egoismus, der im ganzen Westen in den letzten Jahrzehnten Dimensionen erreicht hat, die in keinem Fall mehr gesund sein können. Bevor wir näher auf den individuellen Egoismus und dessen Auswirkungen eingehen, lohnt es sich einen Blick darauf zu wagen, wieso es überhaupt zu so einer massiven selbstsüchtigen Gesellschaft gekommen ist.

Es ist interessant zu erkennen, dass es in den früheren Zeiten so gut wie keine Depressionen gab. Dies liegt an mehreren essenziellen Gründen. Im letzten Jahrhundert lebten die wenigsten Menschen im Überfluss. Für sein Geld musste man lange und hart arbeiten. Das verdiente Geld reichte meist nur aus, um die existenziellen Bedürfnisse der Familie zu decken. Eine warme Mahlzeit am Abend, eine gewärmte Stube und das beisammen sein der ganzen Familie war genug um glücklich zu sein. Des Weiteren existierte auch eine noch bei weitem nicht so globalisierte und vernetzte Welt wie in der Gegenwart. Medien beschränkten sich damals wahrscheinlich nur auf ein Ortsblatt oder einer Tafel im Rathaus, mit den wichtigsten lokalen Informationen. Fernsehen, Radio und Internet waren nichts weiter als Zukunftsmusik.

Eben diese Medien bergen, wie viele vielleicht meinen werden, alles andere als nur Vorteile. Sie schaffen durch Werbung und andere Mittel ein Ideal, also ein bestimmtes Bild, das von der Gesellschaft als erstrebenswert angesehen wird. Dies kann z. B. ein Schönheitsideal sein, welches vorgibt, wie man auszusehen hat. Das Ideal kann sich aber auch auf materielle Dinge beziehen. Viele Menschen Definieren und profilieren sich über Wertgegenstände. Ein großes Haus, ein dickes Auto, das neueste Handy und eine protzige Armbanduhr werden benötigt, um ein illusionäres Glücksgefühl zu erhaschen und dementsprechend auch die Gier nach MEHR zu befriedigen. Unsere Gesellschaftsform setzt also fast die Notwendigkeit voraus, mehr und mehr an sich zu denken. Ein geschürter Egoismus also, der von der Gesellschaft kreiert wird.

Ein weiterer und auch sehr wichtiger Aspekt, wenn man ergründen möchte wo der pathologische Egoismus seinen Nährboden findet, ist der Leistungsdruck. Von der frühen Kindheit an tut die Gesellschaft und die ihr inne liegenden Konditionierungen alles dafür das Konkurrenzverhalten, was mitunter auch den Geiz zur Folge hat, zu fördern. So etablieren sich Vorstellungen davon, was wichtig ist auf eine Weise, die abträglicher nicht sein können. Unsere Prioritäten liegen meist darin andere durch unser Handeln übertreffen zu wollen oder sich selbst am meisten Aufmerksamkeit zu schenken. Wir sind unbewusst also meistens darauf aus den bestmöglichen Ausgang für uns zu finden, anstatt das Gemeinwohl in Betracht zu ziehen.

Nun kennen wir die Ursachen des Übels und sind durch diese Erkenntnis auch in der Lage die Ursache, das Ego, beiseite zu schaffen und uns unserem Wahren Selbst anzunähern. Es ist wichtig hier zu erwähnen, trotz meiner entschiedenen Verneinung zu Anfang, dass es keinen Verantwortlichen dafür gibt, vorerst zumindest. Wir wurden in diese Gesellschaftsform geboren und es nur allzu menschlich, dass man durch Nachahmung bzw. abschauen in der Kindheit sich zu einem Abbild des allgemeinen Konsens entwickelt. Es liegt aber sehr wohl in unserer Verantwortung, sobald wir das Bewusstsein darüber erlangt haben, sich nicht mehr von der Gesellschaft in seiner Denk- und Handlungsweise beeinflussen zu lassen.

Ich selbst habe an mir im Nachhinein beobachten können, wie sehr ich während der depressiven Episoden von mir selbst vereinnahmt war. Durch das krankhafte Gedankenkreisen um meine Lebenssituation, welche meist in extremen Selbstmitleid und einer Opfermentalität endete, war alles was um mich herum passierte von meiner Aufmerksamkeitspanne nicht mehr existent bzw. wichtig genug um sich damit zu befassen. Freunde, Familie und mir nahestehende Personen waren sehr besorgt und unternahmen einige selbstlose Dinge um mir eine Unterstützung und ihre Zuneigung mitzuteilen. Meist habe ich es nicht einmal für Nötig gehalten mich in irgendeiner Form, wenigstens für ihre Bemühungen, zu bedanken.

Während der akuten Phase einer Depression geschieht das natürlich alles unbewusst und kann in den seltensten Fällen selbst erkannt werden. Dennoch ist genau dieser Umstand einer der Hauptgründe, warum man sich in solch einer Lage wieder findet. Zu erkennen, dass ein Egoismus eines seiner Persönlichkeitsmerkmale ist erfordert, wie schon so oft geschrieben, Mut und Willenskraft. Das Ego legt sich auf subtile Weise wie ein Schleier um das Wahre selbst. Wir denken und handeln also nicht mehr unserem Wesen nach, sondern überlassen unsere Entscheidungskraft fast ausgeschlossen dem krankhaften Ego.

Unter dem Selbst versteht man jenes, was uns ganz individuell mitgegeben wurde. Also angeboren bzw. Gott geschenkt. Es kann entweder gefördert oder behindert werden. Ähnlich wie bei einer Blume hängt es von den äußeren Einflüssen ab, ob sie zu blühen beginnt oder verwelkt. Viele Menschen, mich eingeschlossen, konnten ihr wahres Selbst nicht frei entfalten. Daraus resultieren sehr oft die verschiedensten psychischen Störungen.

Das „Ich“ definiere ich hingegen als das, was wir selbst erschaffen können, was also in unserer Verantwortung liegt. Diese „Ich“ Leistungen kann man im Laufe der Zeit durch Eigenarbeit erwerben. Eben dieses Ich wird durch das gestörte selbst, zu Handlungen angeregt, die alles andere als förderlich für unser allgemeines Wohlbefinden sind. Eine dieser „Ich“ Leistungen ist das uns allbekannte krankhafte Ego.

Im Grunde geht es darum, von seinem Ego (Ich-Denken) Abstand zu gewinnen. Sein eigenes Wohlbefinden nicht mehr als wichtigste und vorderste Priorität zu sehen, sondern das Allgemeinwohl in den Fokus zu nehmen, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Vergleiche mit anderen Menschen und der Wille, sich an die Normvorgaben der Gesellschaft zu halten, sollte Stück für Stück abgelegt werden. Ich habe mir die Frage gestellt, ob ich aus dem tiefsten inneren diesen Idealen gerecht werden wollte oder ob ich diesem Strom nur folge, um anderen zu gefallen bzw. meine Ego damit zu stärken. ICH habe ein großes Auto, ICH habe die neueste Uhr, ICH trage die modischste Kleidung usw. usf. sind alles Bedürfnisse unseres Egos und entsprechen mit aller Wahrscheinlichkeit nicht dem, was uns wirklich wichtig ist. Der Auffassung zu sein, dass materielle Güter ein dauerhaftes Gefühl der Zufriedenheit und des Glückes hervorrufen kann ist eine kurz währende Illusion. Innere Ruhe, Zufriedenheit und Glück sind Zustände, die in unserem inneren ihren Anfang finden und durch materielle Dinge nicht erreichbar sind.